Bad case of abyss gaze

Das Cover von »Normal«

Das neueste Buch des großartigen Warren Ellis heißt schlicht »Normal«. Der Buchtitel geht auf die psychiatrische Einrichtung zurück, in der das Buch spielt: Normal Head. Dorthin wird unser Protagonist Adam Dearden nach einem Zusammenbruch eingeliefert.

Ironischerweise finden sich in Normal Menschen wieder, die eben das nicht mehr sind… „normal“. Sie waren vormals Futurists, Menschen die sich mit der Zukunft beschäftigen, wahlweise für die Regierung oder für NGOs.

He was a futurist. They were all futurists. Everyone here gazed into the abyss for a living. Do it long enough, and the abyss would gaze back into you

Es gibt bestimmt ein gewieftes Wort dafür, wenn man eine Geschichte liest, die in der nicht allzu fernen Zukunft spielt… Science Extrapolation oder so. Denn im Roman selbst gibt es zwar keine zeitliche Einordnung, wohl aber mal Verweise auf Ereignisse und die Technologien die verwendet werden, sowie die eine oder andere aktuelle popkulturelle Anspielung. Dadurch fühlt sich das Geschehen in Normal unbequem nah an, wie eine Gesellschaft, die demnächst die unsere sein könnte.

Dazu trägt bei, dass Warren Ellis mehr als meisterhaft darin ist, immer wieder ein paar Details einzustreuen, die der Geschichte einen größeren Rahmen und eine gewisse Lebendigkeit mitgeben. Dabei ist Normal kein langer oder ultrakomplexer Roman ist. Dennoch hat Ellis die Versatzstücke seiner Erzählung gewichtig und inhaltstragend gewählt: Gesellschaft, Technologie und psychische Probleme.

“Everyone looks a bit Cubist to me, these days, to be honest,” Clough said. “I’m not sure where your nose is supposed to be.”

Dazwischen finden sich illustre Charaktere, wie sie typisch für Ellis sind: schrullig, nie gewöhnlich und immer liebenswert.

Um dem Lesespaß nicht dazwischenzugrätschen, soll das dann erstmal reichen. Normal war extrem fesselnd und kurzweilig, definitive Empfehlung meinerseits.

Der Beginn von »Normal«
Der Beginn von »Normal«

“Hand over the entire internet now and nobody gets hurt,” she said, aiming the toothbrush at the nurse like an evil magic wand.


Was mir als zentrales Motiv im Kopf geblieben ist: Es gibt Futurists, die sich für uns alle den Kopf über die Zukunft zerbrechen. Manche von ihnen bringt es an den Rand des Wahnsinns. Haben wir in unserer Welt auch solche Menschen? Die sich konkret mit den wirklich schwierigen Fragen beschäftigen? Die versuchen die zukünftige Welt in der wir Leben werden aktiv zu gestalten?

Mir ist klar, dass der Politik in Teilen diese Rolle zufällt, wobei ich mir nicht sicher bin, ob sie überhaupt versucht, diesen Gestaltungsspielraum wahrzunehmen. Es gibt auch die sogenannten Think Tanks, die sich komplexen Fragen annehmen, radikalere Konzepte durchdenken, nur auch hier die Frage: kommt da außer pragmatischer Lobbyarbeit etwas herum? Dann gibt es noch Milliardäre wie Elon Musk, die in einzelnen Bereichen versuchen, neue Konzepte unter die Menschen zu kriegen.

Dennoch schwingt das Gefühl bei mir mit, dass Gesellschaft eher passiert, als dass sie wissend und gewissenhaft gestaltet und entwickelt wird. Das ist einerseits beruhigend, andererseits halte ich es für wichtig, dass es Leute gibt, die nicht nur nach, sondern auch viele Schritte voraus denken.

Hier hatte Normal auch keine Antworten, doch ich mag sehr, dass es diese Fragen bei mir aufgeworfen hat.

“The future arrived here a couple of weeks ago and nobody noticed. Because that’s how the future always arrives. You don’t realize it’s here until you bump into it.”

2 Kommentare

  1. Ich möchte lösen! Das gesuchte gewiefte Wort ist gar nicht so gewieft. Es lautet „Near Future“. :)

    Und um eine persönliche Antwort auf die zentrale Frage des Artikels zu geben: Mein Eindruck war immer, dass diejenigen am MIT, die such nicht nur der reinen Technik verschrieben haben, sondern Technik nur immer etwas betrachten, das quasie ein Raktentriebwerk für die eigentlichen geisteswissenschaftliche Fragen ist – das sind zumindest ein paar von denen, nach denen Du suchst …

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