Blättern, Scrollen und die Physik

Warum verstehen Menschen die Bedienung des und die Navigation auf dem iPhone vergleichsweise schnell? Das hat, so hab ich mir das mal überlegt, zwei grundlegende Gründe:

  1. Das PIM (physische Interaktionsmodell) des iPhone.
  2. Unsere Sprach- und Nutzungsmetaphern sobald es um Inhalte geht.

Verhalten vorhersehbar machen

Der erste dämliche Reflex des Menschen ist es, alles anfassen zu wollen, um zu schauen, wie es reagiert (Hallo Herdplatte!). Das PIM des iPhone hilft dabei grundlegend. Views (das abstrakte Element in dem sich der Bildschirminhalt befindet) federn, hüpfen, springen, bewegen sich. Sobald man einen Finger auf etwas legt und seinen Finger bewegt, bewegt sich der Inhalt mit. Bewegt man den View schnell und verlässt mit dem Finger den Bildschirm, verlangsamt sich der View nicht sofort wieder, sondern erst allmählich. Das simuliert Reibung. Durch selbige kommt der View auch ganz allein zum Stillstand. Man kann ihn aber auch stoppen, indem man den Finger wieder auf den Bildschirm legt.

Mehr noch: Ist das Ende des Views erreicht, und versucht man mit seinem Finger den View noch weiter zu schieben, so gelingt einem dies sogar – allerdings reagiert der View schwerer, träger, und federt zurück, sobald man ihn loslässt.

Ein ähnlich natürliches Verhalten weisen Animationen auf. Animationen sind meist so aufgebaut, dass der Animationsverlauf nach dem Prinzip “Ease in, ease out” aufgebaut ist. Praktisch heißt dass, dass eine Animation langsam beginnt, einen langen aber schnellen Mittelteil hat, um dann wieder langsam zu enden. Klingt komisch, begleitet einen aber häufiger als man denkt. Beispielsweise beim Trinken: man greift langsam das Glas, führt es schnell zum Mund, setzt es aber dann behutsam an die eigenen Lippen. Was komisch klingt funktioniert in der Praxis sehr gut. Es gibt dem User Feedback à la “So, jetzt geht’s hier los. – Jetzt hau ich rein. – Und jetzt beende ich behutsam das angefangene, mach dich also bereit, die Kontrolle wieder zu übernehmen.”

Navigieren ist Blättern, Scrollen ist dem Inhalt folgen.

Bei der Interaktion mit textlichen Inhalten greift das iPhone auf unser Verständnis von inhaltlichen Strukturen zurück, wie wir sie seit Jahrhunderten aus Büchern können.

Die These ist deshalb: Navigation im iPhone adaptiert gekonnt die Interaktion mit Information, wie wir sie aus dem Buch kennen.

Lese ich ein Buch, folgt mein Finger dem Text. Lese ich auf dem iPhone, verschiebt mein Finger den Text. Beide Male kommt dem Finger die Aufgabe zu, mich im Text fortzubewegen. Der große Unterschied zwischen Text im Buch und Text im iPhone: beim iPhone hat die Seite kein physisches Ende, weil es kein Blatt Papier gibt, das zu Ende sein könnte. Vielmehr scrollt man auf dem iPhone ans Ende eines Artikels, eines Textabschnitts, eines Kapitels, einer Themenrubrik. Und ein Wischen oder Tippen nach Links oder Rechts wechselt eben diese themenbezogenen Einheit.

Dies ist analog zu dem Blättern in einer Zeitschrift oder einem Buch: Ein Artikel verläuft vertikal, von Artikel zu Artikel gelangt man horizontal.

Man könnte dieses Spiel sogar soweit treiben, zu behaupten das iPhone käme eher der Schriftrolle, dem Großvater des Buches gleich: pro Informationseinheit gibt es eine Rolle, und die Rollen sind nebeneinander angeordnet. Navigieren innerhalb einer Rolle ist ein Scrollen, eine Bewegung in der Vertikalen. Ein Austausch der Rollen ist ein Greifen nach Links und Rechts, ein umgreifen im Horizontalen. (Das schönste an diesem Vergleich: “scroll” ist Englisch für “Schriftrolle”.)

Dieses Verständnis der Gliederung von Information anhand zweier Achsen spiegelt sich auch im alltäglichen Sprachgebrauch wieder: man kann “breit aufgestellt” sein, oder man kann “in die Tiefe gehen”.

Fazit: auf Bekanntes setzten

So neu die Technik auch sein mag, die im iPhone steckt, so sehr ist der Benutzer ein Gewohnheitstier. Das macht sich das iPhone zu Nutze: Die Interaktion selbst imitiert Physik, wo doch nur Bits & Bytes vorhanden sind. Informationsdarstellung bewegt sich in der Hierarchie des Horizontalen & Vertikalen statt den Gefilden der Hypertextualität.


Bild: J. Nathan Matias (flickr)

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