Schwung holen

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Häufig blubbert in mir so eine absurde Unruhe hoch, immer dann, wenn ich einfach mal abschalten will. Klar, nur weil ich gerade abschalten will heißt das ja nun nicht, dass ich gerade abschalten kann. Häufig will ich bewusst dann abschalten, wenn ich die Zeit nicht habe – so als Kontrapunkt: sich mal kurz für ’ne halbe Stunde oder ’nen Nachmittag rausnehmen.

Und genau dann, während meiner Abschaltversuche, brandet in mir so eine Hibbeligkeit auf. Statt klar zu wissen »Sooo, nun schalte ich ’nen Gang runter und mache das oder das… und vielleicht das« bin ich unangenehm unruhig.

Warum weiß ich gar nicht so genau. Vielleicht deshalb, weil ich das Bisschen was ich mir an Zeit freigeschaufelt habe, gerne bestmöglich, produktiv, also halt irgendwie sinnvoll nutzen möchte. Idealerweise natürlich mit solchen Sachen, für die man sich versucht hat, Zeit freizuschaufeln.

Ist vielleicht ein Problem der modernen Gesellschaft: das fortwährende Bedürfnis sich und die Abläufe zu optimieren. Das hat zur Folge, dass man komische Reaktionen an den Tag legt, sobald man mal eine erkleckliche Menge an freier Zeit vor sich liegen hat – nicht zu verwechseln mit Freizeit, die man ja offiziell in Anspruch nimmt sobald man zu Hause ist.

Die freien Minuten – so selten sie eben sind – sollen dann halt auch fetzen. 30 Minuten auf der Couch, in denen man vor sich hin stiert, fühlen sich der kostbaren freien Momente nicht wirklich würdig an.

So luxuriös Langeweile auch sein mag: ich hadere mit ihr und mir in solchen Momenten. Das passiert mit schöner Regelmäßigkeit, und das frisst an mir.

All work and no play makes Jack a dull boy

Zeit ist bekanntermaßen unter allen Menschen gleich verteilt. Die persönlichen freien Minuten gehören einem ganz allein, so wie wenig anderes. Sie sind definitiv der falsche Zeitpunkt sich einen Kopf um deren Verwendung zu machen.

Vielmehr sollte man genau das ausnutzen, und an der eigenen Perspektive schrauben als auf den eigenen Schuldgefühlen rumzukauen. Mein Problem war wie so oft der eigene Anspruch, nicht die genügsame Realität.

Um den Anspruch einzunorden kann man das Couchen zur Kultur erklären. Man kann von Katzen lernen, weil von Katzen lernen heißt liegen lernen, wie Robert Gernhardt so treffend anmerkte. Man kann auch auf sich selbst vertrauen, dass die freien Minuten gerade am besten mit Nichtstun gefüllt werden können, weil es das ist, was man gerade braucht. Man kann auch auf seine »List der Dinge die ich mal bitte in meiner Freizeit mache« ganz oben »Locker bleiben« schreiben und direkt darunter ein »Nichtstun« in fett, kursiv, unterstrichen und mit Sternchen in Knallrot.

Man kann einen Haufen Dinge tun, die bewirken, dass man sich besser fühlt. Vor allem sollte man eines tun: man sollte geschmeidig bleiben und Schwung holen. Schwung holen für die Zeit nach den freien Minuten, für den Alltag, oder einfach für die nächsten paar freien Minuten.


Foto von Breno Machado, wie so oft gefunden auf UNSPLASH

Ein Kommentar

  1. Signed.

    Das kenne ich. Spätestens seit die kleine Giraffe da ist, haben sich die „persönlichen freien Minuten“ in eine sehr übersichtliche Menge geschrumpft. Aber das ist okay so. Genau wie Du schreibst. Um das ein bisken auszugleichen bin ich auf einen Trick verfallen, was mir aber erst nach ein paar Monaten aufgefallen ist: Ich denke in jenen Zeitslots, die keine mühsam freigschaufelten, persönlichen, freien Minuten sind, aber den Kopf nicht beanspruchen über ein und das selbe „Projekt“ nach: Auf dem Weg zur Arbeit, beim Kaffeekochen, auf’m Klo, vor’m Einschlafen. Und so arbeite ich mich da gedanklich jeden Tag ein bisken voran, betrachte Dinge von vielen Seiten, wäge ab. Das alles ohne Zeitplan und Zeit Druck. Ich hab ja 20 Jahre Zeit, bis das Kind aus dem Haus ist …

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